Musikalische Leckerbissen

— Konzertreihe alter Musik —

Harmonie des Anges

Die Laute in der Musik des Klosters Raigern (Rajhrad) im 18. Jahrhundert — Jan Čižmář, Barocklaute.

Promotionskonzert von Jan Čižmář mit Lautenkompositionen, die besonders in den Archiven der Benediktiner in Abtei Raigern (Rajhrad) überliefert sind.

Donnerstag 21. Januar 2016 17:00, Kammermusiksaal, Janáček-Akademie (JAMU), Komenského náměstí 6, 602 00 Brno, Tschechische Republik.

Plaisirs de Musique (CZ)  als Gäste:

11-chörige Barocklaute — Lars Jönsson, Dalarö 2009, Muschel nach Hans Frei.
13-chörige Barocklaute — Lars Jönsson, Dalarö 2008, Kopie nach Schelle 1744 / Wildham 1755.

Programm

Anonym (cca. 1700) Allemande Harmonie des Anges à 3 lettres   (CZ–Bm A372, olim Raigern Mus. 5.b.)
SMC Joseph I. (1678 – 1711) Aria composée del’ Empereur Josephe   (CZ–Bm A13.268, olim Raigern Mus. 2.)
Ferdinand Ignaz Hinterleitner (1659 — 1710) Concerto VI  [C-Dur]   (Lauthen Concert mit Violin, Bass und Lauten, Wien 1699; olim Raigern Mus. 10.a.–c., olim Bibl. Zr. II C 10.)
Prelude — Ouverture — Allemande — Courante — Bourée — Minuete — Gavott — Menuet — Sarabande — Echo — Passacaille
Johann Michael Kühnell (cca. 1670 – 1728) Concerto a Liuto et Viola di Gamba  [D-Dur]   (B–Br Ms II 4089 6a)
Allegro — Adagio — Allegro
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Sylvius Leopold Weiss (1687 – 1750)
(Rekonstruktion der fehlenden Flötenstimme: Jörn Boysen)
[Duo pour luth et flute] fait a Prague 1719   (WeissSW 14, GB–Lb Add. 30387)
Adagio — Gavotte — Sarabande — Menuet — Bourée — Ciacona
Johann Georg Weichenberger (1676 – 1740) Praelude de Mr: Weichenperger [G-Moll]   (CZ Bm A371, olim Raigern Mus. 5.a.)
Wenzel Ludwig von Radolt (1667 — 1716) Concerto III  [G-Moll]   (Die Aller Treüeste Freindin, Wien 1701; Raigern Mus. 9.a–d.)
Ouvertur — Allemande — Courente — Sarabande — Menuette — Gavotte — Menuette — Guigue — Bourée — Menuette
Wenzel Ludwig von Radolt (1667 — 1716) Concerto II  [G-Moll]   (Die Aller Treüeste Freindin, Wien 1701; Raigern Mus. 9.a–d.)
Simphonia à discretione

Über das Programm

In diesem Konzert ertönen Kompositionen aus Lautentabulaturen, die aus der Abtei Raigern (Rajhrad) stammen. In der Zeit um 1700 war das Spielen der Laute offensichtlich im Kloster sehr beliebt, wie das umfangreiche Katalog über Musikalien für Laute belegt. Es handelt sich teilweise um Stücke für Laute als Soloinstrument, aber die Kammermusik hat ebenfalls einen erheblichen Anteil. Viele bedeutende Bände aus dem ursprünglichen Bestand sind heute noch vorhanden.

Das Titelwerk des Konzerts, Harmonie des Anges à 3 lettres, notiert die Musik mit nur drei Buchstaben. In der Lautentabulatur bezeichnet jede Buchstabe ein Bund auf dem Griffbrett und dadurch die Halbtonschritte. Dieses Stück benutzt nur die Buchstaben a, f, h. So einfach und symbolträchtig wurde ein Stück geschrieben, das die Hauptmerkmale der Lauteninstrumente vorstellt: Schichtheit, Rafinesse, Symbolik und Schönheit fürs Anhören und Anschauen, fürs Herz und für die Seele.

Die beiden gedruckten Sammlungen kammermusikalischer Stücke mit obligater Laute – von Ferdinand Ignaz Hinterleithner (Wien 1699) und von Wenzel Ludwig Freiherr von Radolt (Wien 1701) – waren dem habsburgischen Thronfolger Joseph I. gewidmet (er wurde Kaiser in 1705). Joseph war selbst ein leidenschaftlicher Lautenist; auch seine Gattin Wilhelmine Amalia frönte dieser Leidenschaft. Hinterleitner widmete dem Paar seine Sammlung im Jahr ihrer Hochzeit, 1699. Joseph I. war längst nicht der einzige Edelige, der Laute spielte und für das Instrument komponierte (dazu gehörten Namen wie Lobkowitz, Questenberg, Losy). Aus seinem Feder hören Sie ein kleines Stück aus einer Handschrift aus der Klosterbibliothek. Die beiden erwähnten Drucke sind in alten Katalogen der Klosterbibliothek belegt; unlängst konnten einige zerstreute Bände in anderen Bibliotheken und Sammlungen gefunden werden. Obwohl es keine Unikaten sind, vervollständigen sie unser Bild von der Pflege der (Kammer-)Musik für Laute in der Abtei Raigern und dem allgemeinen Umfeld.

J M. Kühnell schrieb mehrere Stücke (mit dem Titel Concerto) für Laute und verschiedene Instrumente. Unter den Kühnell-Stücken in Raigern befindet sich ein Concerto in B-Dur, aber nur die Lautenstimme. (Es steht offen, ob die anderen Stimmen fehlen, oder es als Solo-Stück konzipiert war; eine kammermusikalische Version befindet sich in Den Haag, war aber ursprünglich in der Sammlung derer von Harrach auf Schloss Rohrau.) Für das heutige Programm haben wir jedoch Kühnells Concert in D-Dur ausgesucht. Es handelt sich um eine Musikalie aus Harrach-Sammlung, die sich aber seit den 1950er Jahren in Brüssel befindet. Zu Kühnells Zeiten war dies wahrscheinlich seine beliebteste Komposition, da sie in mindestens drei Exemplaren in verschiedenen Sammlungen erhalten ist, und zwar für unterschiedliche Besetzungen und mit leicht verändertem Notenmaterial.

Unter den Handschriften in Raigern befindet sich auch eine Suite in A-Dur von S. L. Weiss, die wiederum mit einer Trio-Bearbeitung für Geige, Laute und Bass aus der Harrach-Handschrift übereinstimmt. Dies dient uns als Anregung, um eine andere zeitgenössige Komposition von Weiss auszusuchen, und zwar in einer anderen Tonart und für andere Instrumente. Die nicht-überlieferte Flötenstimme hat Jörn Boysen rekonstruiert.

Der Titel des letzten Programmpunkts, Simphonia à discretione bezieht sich auf die poetische und kammermusikalische Charakter der Lautenmusik, die einen natürlichen Gegenpol zur damaligen Orchesterpraxis bildet.

Jan Čižmář

Jan Čižmář ist ein vielseitiger Interpret mit Spezialgebiet historische Zupfinstrumente. Er tritt regelmäßig in Europa, Asien und den USA auf, u. a. mit dem Concertgebouw-Orchester, dem Orchestra of the Age of Enlightenment, Orchester des 18. Jahrhunderts, Rotterdams Philharmonisch Orkest und der Capella Cracoviensis, sowie unter Dirigenten wie Frans Brüggen, Christopher Hogwood, Giovanni Antonini, Yannick Nézet–Séguin und Christina Pluhar. Er gibt auch Solokonzerte mit Barock- und Renaissancemusik.

Nach dem Studienabschluss in Gitarre und Musikwissenschaften in seiner Geburtsstadt Brünn setzte er seine Studien beim Royal College of Music in London fort, wo er begann, die Laute bei Jakob Lindberg zu spielen. Danach studierte er in Den Haag am Koninklijk Conservatorium bei Nigel North, Joachim Held, Mike Fentross and Christina Pluhar.

Er gründete und war Herausgeber der tschechischen Zeitschrift Kytara (Die Gitarre) und schreibt regelmäßig für andere Musikzeitschriften. Er ist auch intensiv mit Verlags- und Forschungsaktivitäten im Bereich der Alten Musik beschäftigt.

Jan Čižmář unterrichtete Laute und verwandte Instrumente an der Karol-Szymanowski-Musikakademie in Katowice (Kattowitz, Polen); derzeit unterrichtet er an der Janáček-Akademie für Musik und darstellende Kunst in Brünn. Er gibt regelmäßig Kurse und Masterclasses in Europa und in Übersee.