Musikalische Leckerbissen

— Konzertreihe alter Musik —

Foto.

Frisch auff – Musik aus Codex Jacobides

Bisher unveröffentlichte Musik aus Prag zur Zeit Rudolfs II.

Freitag 23. Juli 2021 19:00 — St.-Christophorus-Kirche, Seehalde 12, 88149 Nonnenhorn, Deutschland.  (Barrierefreier Zugang)

Kupferstich.
Aegidius Sadeler (1570–1629), Ansicht von Prag (1606).
Steinbrücke oder „Karlsbrücke“ — Altstädter Brückenturm.

Programm

Anonym Paduana Hispanica   (CJ fol. 20v)
Stephan Laurentius Jacobides Præambulum Stephani Laurentij Jacobidis   (CJ fol. 1r)
Michael Praetorius (1571 — 1621) Bransle simple de Novelle   (CJ fol. 5v–6r,  Terpsichore nr. 2:4)
Bransle gay   (CJ fol. 6v,  Terpsichore nr. 2:5)
Anonym Courante   (CJ fol. 8v)
Anonym Frisch auff mein liebes Tochterlein   (CJ fol. 33v)
Francesco da Milano (1497 — 1543) Fantasia   (CJ fol. 2v)
Philippe Verdelot (ca. 1480 — ca. 1540) Perche la piu acerba   (CJ fol. 28r–28v)
Jacquet de Berchem (ca. 1505 — ca. 1567) Ossoxaissi dona   (O s’io potessi donna)   (CJ fol. 26v–27r)
Anonym Ich ging ein mal spatziren   (CJ fol. 3v)
Anonym Fantasia   (CJ fol. 26r)
Cœlestium   (CJ fol. 25v)
Jesu tu nobis influas   (CJ fol. 25r)
Anonym Entraj di Lag   (Entrée de Luth)   (CJ fol. 11r)
Anonym
vielleicht Matthäus Reymann (ca. 1565 — nach 1625)
Galliarda   (CJ fol. 24v, Reymann fol. O6r, Dlugorai fol. VI.19r & VI.23r)
Anonym Die Soldaten sindt aller Ehren werdt   (CJ fol. 35v)
Saltarella   (CJ fol. 20r)
Tantz herr: von Teltz   (CJ fol. 34r, Fugger fol. 34v)
Anonym Sarabanda Maris   (CJ fol. 11v, Torino fol. 11v)
Jean Planson (ca. 1559 — nach 1611) La Rousée de joly mois de may   (Airs fol. 38r,  CJ fol. 7v)
Anonym Paßamezo, Saltarela   (CJ fol. 13v)
Salterela   (CJ fol. 16v)

Verwendete Quellen

CJ Codex Jacobides, Národní muzeum, České muzeum hudby, Prag, Handschrift XIII B 237.
Dlugorai Dlugorai ms., Leipziger Stadtbibliothek, Musikbibliothek, Leipzig, Handschrift II.6.15.
Fugger Österreichische Nationalbibliothek, Musiksammlung, Wien, Mus. Hs. 18821.
Torino Biblioteca nazionale universitaria, Turin, Handschrift Riserva musica IV, 23/2 (ca. 1620).
Airs Jehan Planson, Airs mis en musique (a quatre parties), Paris (Adrian le Roy & la vefue R. Ballard) 1593.
Reymann Matthäus Reymann, Noctes musicæ, studio et industriâ, Heidelberg (Gotthard Vögelin) 1598.
Terpsichore Michael Prætorius, Terpsichore, Musarum Aeoniarum Quinta, Wolfenbüttel (Fürstliche Druckerey) 1612.

Über das Projekt

Das Konzert ist Teil des Projektes „Codex Jacobides — bisher unveröffentlichte Musik aus Prag zur Zeit Rudolfs II“.

Projekt: Codex Jacobides — bisher unveröffentlichte Musik aus Prag zur Zeit Rudolfs II
Fr 14.08.2020
20:00
Konzert
Frisch auff
St.-Johannis-Kirche,
Nieblum, Föhr (DE)
Frei­williger
Eintritt
Sa 15.08.2020
19:00
Konzert
Frisch auff
St.-Laurentius-Kirche,
Johann-Adolf-Str., Tönning (DE)
15 €
Mi 19.08.2020
19:00
Konzert
Frisch auff
Schloss Kunín,
Kunín (Kunewald) 1 (CZ)
Frei­williger
Eintritt
Mi 21.10.2020
19:00
Konzert
Frisch auff
Janáček-Akademie (JAMU)
Komenského nám. 6, Brünn
Frei­williger
Eintritt
Do 22.10.2020
19:00
Konzert
Frisch auff
Archäologisches Institut,
Mikulčice-Trapíkov 736 (CZ)
Frei­williger
Eintritt
Fr 23.10.2020
19:00
Galakonzert
Codex Jacobides
Czech Museum of Music,
Karmelitská 2/4, Prag
Frei­williger
Eintritt
Do 29.10.2020
20:00
Online-Konzert
Frisch auff
Archäologisches Institut,
Mikulčice-Trapíkov 736 (CZ)
Frei­williger
Eintritt
Fr 23.07.2021
19:00
Konzert
Frisch auff
St.-Christophorus-Kirche,
Nonnenhorn (DE)
Spende
erwünscht

Über das Programm

Die Anfänge der europäischen Instrumentalmusik sind untrennbar mit der Laute verbunden. Später, besonders im 16. und 17. Jahr­hundert, war die Laute das beliebteste und meistverbreiteste Instrument beim Hausmusizieren in bürgerlichen und adeligen Kreisen. Auch in den böhmischen Ländern wird sie bereits im 14. Jahrhundert erwähnt.

Das Fragment der Lautentabulatur CZ-Pnm XIII B 237 zählt zu den bedeutendsten böhmischen Denkmälern der Lautenliteratur aus der Zeit der Spätrenaissance. Es ist klar ersichtlich, dass der Schreiber bemüht war, das Manuskript in Teile zu gliedern, die sich jeweils auf das Repertoire eines bestimmten Typus konzentrierte. Es treten z. B. folgende Einheiten hervor: Präludien, Fantasien und Passamezzen, Arrangements von Regnarts Villanellen und von italienischen Vokal­kompositionen, französische und italienische Tanzlieder, Intavolierungen lateinischer geistlicher Kompositionen, Courantes usw.

Über den Autor der einzigen böhmischen nicht-anonymen Lauten­komposition (Præambulum, Fol. 1r), Štěpán Vavřinec Jacobides, ist uns nichts Näheres bekannt. Er könnte vielleicht mit einem gewissen Štěpán Jacobides Záhořanský identisch sein, der unter den Schülern der zur Sankt-Heinrich-Kirche gehörigen Schule erwähnt wird und der 1622 zwei Prager Bürgern seine Verse widmete. Seine kompositorische Aktivität dürfte dann wohl in dieselbe Zeit fallen.

Gemälde.
Kaiser Rudolf II. (1552–1612),
böhmischer König 1575–1611.

Auch die Numerierungsart der intavolierten Villanellen Jacob Regnarts vermag einigen Aufschluss im Problem der Datierung bieten. Der erste, 1576 im Druck erchienene Teil dieser Villanellen enthielt nur 22 Stücke. In der Tabulatur ist jedoch bei dem Lied Jungfraw, ewre wanckelmut (Fol. 32r) die Zahl 27 angeführt. Diese entspricht der Einordnung des Stückes in der Gesamt­ausgabe (Teutsche Lieder mit dreyen Stimmen), die zum erstenmal im Jahre 1583, weiter dann in den Jahren 1584, 1587, 1593, 1611 publiziert wurde. Regnart hielt sich in seiner Eigenschaft als Kapellmeister des Kaisers Rudolf II. zweimal in Prag auf: vom Jahre 1579, da die Gesamt­ausgabe noch nicht existierte und von 1595 bis zu seinem Tod in 1599.

Handschrift.
Folio 32r: Chce mi se wdatiLib mich als ich dich
(zum Vergrößern aufs Bild klicken).

Die Tabulatur enthält eine wichtige, einzigartige Auf­zeichnung von Regnarts Komposition Chce mi se wdatiLib mich als ich dich (Fol. 32r), auf die Jiří Tichota bereits 1967 hingewiesen hat. Man kann davon ausgehen, dass andere Lieder, die in dieser Handschrift als Unikate erhalten sind, ebenfalls von diesem Autor stammen könnten. Diese Vermutung wird nicht nur durch musikalische Ähnlichkeiten untermauert, sondern auch durch die Platzierung in der Nähe anderer Regnart-Kompositionen. Für einige Lieder kann regelrecht Detektiv­forschung betrieben werden; zum Beispiel ist der tschechische Textanfang von Regnarts sonst völlig unbekannter Komposition Chce mi se wdati keine Übersetzung des deutschen Lib mich als ich dich, was die Existenz des tschechischen Textes beweist (Chce mi se wdati wurde von den Liedsammlern der tschechischen nationalen Wiedergeburt als „Volkslied“ aufgenommen!).

Einige Kompositionen des Fragments sind für die 10-chörige Laute bestimmt. Instrumente dieses Typs kamen erst nach 1600 häufiger zur Verwendung. Die Handschrift stammt aus den ersten zwei bis drei Jahrzehnten des 17. Jahr­hunderts; die tschechischen Sentenzen und Titel bezeugen übrigens, dass der Schreiber und Benutzer der Sammlung tschechisch war.

Vom Repertoire her gehört die Handschrift zweifelsohne zur Gruppe der studentischen Lautenbücher, die unter den musikalischen Memorabilien des 16. und frühen 17. Jahrhunderts ein beeindruckendes Spezifikum darstellen. Drei von vier der weiteren Handschriften, die in Tschechien überliefert sind und Lautenmusik in deutscher Tabulatur enthalten, stammen aus dem gleichen Umfeld.

Eine vorrangige Stelle bleibt stets den zeitgenössischen Tänzen reserviert, deren farbreiche Skala übrigens von den regen kulturellen Kontakten Prags zeugt, wie auch von der bedeutenden Stellung, die diese Stadt damals im Zentrum Europas einnahm. Die Sammlung enthält weitverbreitete italienische, französische, spanische und englische Tänze, sowie als Tanzmusik bearbeitete deutsche und französische Lieder, aber auch zahlreiche Polonica und Hungaresken. Dass diese in der Sammlung figurieren, beweist, welche Aufmerksamkeit diesem Erdstrich geschenkt wurde, auf dem der Existenzkampf mit der türkischen Expansion entschieden wurde.

Großer Beliebtheit erfreuten sich ferner auch Intavolationen von vokalen Vorlagen für die Laute. In dieser Handschrift handelt es sich vor allem um die obenerwähnten Arrangements von Regnarts Villanellen, um Beispiele der italienischen Madrigalproduktion (Jacquet de Berchem, Philippe Verdelot), um Bearbeitungen französischer und deutscher Lieder und um die Transkription eines dreistimmigen Satzes zu einem lateinischen geistlischen Text (Jesu tu nobis influas – Cœlestium), wo der transkribierende Laie sein fehlendes Verständnis der Mensural­notation und Unkenntnis der Prinzipien der Musica Ficta zur Schau stellt. Ein Werk für zwei Lauten ist auch dabei.

Das Fragment ist die einzige Tabulatur böhmischer Herkunft für die Renaissance-Laute, in der auch das Interesse für ernste, künstlerische Produktion dokumentiert wird. Außer Jacobides’ Præambulum gehören dieser Gattung drei überkommene Präludien an, die sich bereits unverkennbar zur neueren französischen Schule bekennen, und schließlich eine meisterhafte Fantasie von Francesco da Milano, deren Aufnahme in das Manuskript beweist, dass auch anspruchsvolle kunstgerechte Musik bei den Prager Lautenisten beliebt war und gepflegt wurde.

(Dieser Text basiert auf Jiří Tichotas Vorwort zu der Ausgabe von Codex Jacobides.)


Ausführende

Marta Kratochvílová

Foto.
Marta Kratochvílová — Jan Čižmář.

Marta Kratochvílová studierte Querflöte am Konservatorium von Pardubice und danach an der Janáček-Akademie für Musik und darstellende Kunst in Brünn (Brno). Anschließend vollendete sie ein Studium in Frankreich am Conservatoire National de Région de Strasbourg, wo sie sich auf die Querflöte des Barock und der Renaissance mit Jean-François Alizon and Nancy Hadden sowie auf Kammermusik mit Martin Gester und Patrick Blanc spezialisierte. Sie besuchte Meisterkurse und Workshops unter der Leitung von prominenten Persönlichkeiten wie Paul McCreesh, Barthold Kuijken, Jan-Latham Koenig und Sir Neville Marriner. In Frankreich spielte sie in den Ensembles Le Parlement de Musique, Le Masque, Bohemia Duo und NotaBene. In Verbindung mit Renaissance­workshops (Ferrara, München, Stuttgart, Basel) trat sie regelmäßig mit dem straßburger Consort für Renaissance-Flöten auf.

Sie gibt regelmäßig Konzerte in ganz Europa, vor Allem in kammer­musikalischen Projekten mit ihren künstlerischen Partnern, unter anderen mit Künstlern wie Christophe Coin, Jan Čižmář, Karel Fleischlinger, Joel Frederiksen, Marc Hervieux, Martin Jakubíček, Petr Kolař, Ján Krigovský, Martyna Pastuszka, Emmanuel Soulhat, Marcin Świątkiewicz und Marc Vonau, sowie mit den Ensembles {oh!} Orkiestra Historyczna oder Plaisirs de Musique, das sie mitgegründet hat. Sie ist auch künstlerische Leiterin des Renaissance-Querflöten­consorts Tourdion.

Als Lehrerin mit langjähriger Erfahrung wird sie häufig zu Präsentationen und Meisterkursen in ganz Europa eingeladen und gibt außerdem Privat­unterricht in dem Spiel und der historischen Interpretation der Barock- und Renaissance­traversflöte.

Supraphon
CD: Codex Jacobides, Praga circa 1600.

Jan Čižmář

Jan Čižmář ist ein vielseitiger Interpret mit Spezialgebiet historische Zupfinstrumente. Er tritt regelmäßig in Europa, Asien und den USA auf, u. a. mit dem Concertgebouw-Orchester, dem Orchestra of the Age of Enlightenment, Orchester des 18. Jahrhunderts, Rotterdams Philharmonisch Orkest, der Capella Cracoviensis und dem {oh!} Orkiestra Historyczna, sowie unter Dirigenten wie Frans Brüggen, Christopher Hogwood, Giovanni Antonini, Yannick Nézet–Séguin und Christina Pluhar. Er gibt auch Solokonzerte mit Barock- und Renaissancemusik und ist künstlerischer Leiter des Ensemble Plaisirs de Musique.

Nach dem Studium der Gitarre und Musikwissenschaften in seiner Geburtsstadt Brünn studierte er bei Jakob Lindberg an der Royal College of Music in London, wo er begann die Laute zu spielen. Danach studierte er am Koninklijk Conservatorium in Den Haag bei Nigel North, Joachim Held, Mike Fentross and Christina Pluhar. Er gründete und war Herausgeber der tschechischen Zeitschrift Kytara (Die Gitarre) und schreibt regelmäßig für andere Musikzeitschriften. Er ist auch intensiv mit Verlags- und Forschungs­aktivitäten im Bereich der Alten Musik beschäftigt. In 2010 gründete er die Hudební lahůdky (Musikalische Leckerbissen), deren künstlerischer Direktor er ist.

Jan Čižmář unterrichtete Laute und verwandte Instrumente an der Karol-Szymanowski-Musikakademie in Katowice (Kattowitz, Polen) und an der Akademie für Alte Musik der Masaryk-Universität in Brünn; derzeit unterrichtet er an der Janáček-Akademie für Musik und darstellende Kunst in Brünn. Er gibt regelmäßig Kurse und Masterclasses in Europa und im Übersee.

Er tritt auf einige Dutzende CDs auf; in 2020 erschien bei Supraphon seine erste Solo-CD, die der Musik des Codex Jacobides gewidmet ist.


Wir danken

Das Projekt „Codex Jacobides — bisher unveröffentlichte Musik aus Prag zur Zeit Rudolfs II“ wird mit finanzieller Unterstützung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, des tschechischen Kultusministeriums und der Statutarstadt Brünn (Brno) durchgeführt.

Česko-německý fond budoucnosti Logo of Ministry of Culture Logo Statutárního města Brna National museum Česká loutnová společnost